MagmaBrandDesign

August 1, 2007previous review

inside B

 Der Typo Blogger 

Unter www.slanted.de hat Lars Harmsen einen Weblog für die kleine, aber wählerische Gemeinde der Typographen ins Leben gerufen.
inside B: Herr Harmsen, muss ich mich vor Ihnen fürchten?
Harmsen: Ich glaube nicht. Und ich wüsste auch nicht, warum.
inside B: Weil Blogs dem klassischen Journalismus den Garaus machen könnten. Ihr Blog »Slanted« hat immerhin 600.000 Zugriffe im Monat. Da gehen traditionellen Printtiteln für Gestalter doch sicherlich einige Leser verloren?
Harmsen: Wir haben zu einem Zeitpunkt mit unserem Typographie-Blog begonnen, als die junge Generation von den klassischen Special-Interest-Titeln einfach nicht mehr abgeholt wurde.
inside B: War das auch der Anlass für Sie, mit einem Blog zu starten?
Harmsen: Seit 1996 entwerfen wir hier in der Agentur (MAGMA Brand Design in Karlsruhe, Anm. d. Red.) Schriften. Mit einem Blog zum Thema haben wir begonnen, weil wir einen anspruchsvollen Austausch wollten mit Leuten, die dasselbe machen. Und ein Blog ist im Grunde die flexibelste und einfachste Plattform des Kommentaraustauschs.
inside B:Ein Kollege aus Ihrer Branche, Holger Jung von der Agentur Jung von Matt, bezeichnete die Blogs einmal als Klowände des Internet...
Harmsen: Tatsächlich finden viele Blogs als Tagebuch statt, in dem Leute ihr Privatleben einfach auskippen. Wir haben von vornherein Redakteure in den Blog geholt, von denen wir wussten, dass sie genauso analytisch und präzise arbeiten wie wir selbst.
inside B: Und das geht via Print nicht?
Harmsen: Ein Printmagazin wird immer versuchen möglichst viele Themen abzudecken. Wir hingegen können unsere Inhalte sehr speziell fassen für unsere Leser. Denn die kennen wir wirklich sehr gut: Studenten, Creativ- und Art-Direktoren. Und wir sind im Dialog mit ihnen. Im Übrigen gibt es auch im Printbereich die Überlegung, Leserprofile zu erstellen und dann ein Produkt im print-on-demand-Verfahren sehr speziell zuzuschneiden für die Leser.
inside B: Über die extreme Form der Individualisierung hinaus: Was können Blogs im Besonderen leisten?
Harmsen: Als die Blogs sich 2004 zu etablieren begannen, waren sie einfach ein Medium des Austauschs. Ich glaube sie waren nie so angelegt, dass sie solch einen riesigen Publikumserfolg haben sollten. Uns als den Machern von »Slanted« war aber recht schnell klar, dass wir eine Lücke füllten. Einfach, weil es in Deutschland keinen Blog und auch gar kein Magazin gab, das sich so intensiv mit Typographie beschäftigte. In den amerikanischen Publikationen wie »Emigre«, die jetzt übrigens vom Markt verschwunden sind, war das sprachliche Niveau einfach zu hoch für deutsche Leser.
inside B: Und trotz aller Vorzüge der Blogs: Slanted gibt es mittlerweile auch als gedrucktes Magazin. Warum?
Harmsen: Wir haben den enormen Anstieg der Zugriffe als ungeheure Beschleunigung unserer Arbeit erlebt. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, ein verlangsamendes Moment hineinzubringen: ein Printprodukt. Zum Glück ist Typographie außerdem etwas sehr zeitloses.
inside B: Welche Rolle spielt die Printausgabe mittlerweile?
Harmsen: Mittlerweile ist das Magazin ein Multiplikator für den Blog. Es erscheint in einer Auflage von 10.000 Exemplaren, wobei der Druckpartner Océ  70 Prozent davon selbst vertreibt. Quasi als Refenzobjekt. Der Rest wird bei Kongressen, Konferenzen und per Abonnement vertrieben. Unser Ziel ist aber sicher, irgendwann am Kiosk auszuliegen.
inside B: Wie gut lassen sich Blog und Magazin vermarkten?
Harmsen: Für den Blog wird Vermarktung sicherlich interessant ab einer Million Hits im Monat. Allerdings selektieren wir derzeit die Anfragen für Banner-Werbung oder ähnliches. Weil dies zu der Qualitätssicherung dazu gehört.
Doris Geiger
Lars Harmsen (43) ist Diplom-Grafiker und Geschäftsführer der Karlsruher Agentur »MAGMA Brand Design«. 2005 rief er den Typographie-Blog »slanted« ins Leben, dessen Printausgabe jetzt mit einer Anerkennung des Art Directors Club ausgezeichnet wurde.