

EIN FLUG ÜBER DIE AUSSENHAUT DER KOMMUNIKATION
STICKER 65 made by Lars Harmsen
Zu sehen sind die Reste der Bombe des Hitler-Attentats sowie die Zange mit der die Bombe gebaut wurde. Geordnet in einem symbolischen Raster wie sie die Polizei zur Spurensicherung verwendet.
SYNCHRONOPSEN
Das Gestaltungsmedium der pädagogisch-didaktich visuellen Kommunikation
Die Beschäftigung mit der »Geschichte« in ihrer Universalität ist heute nahezu unmöglich geworden. Der Zugang zu historischer Komplexität und die intellektuelle Bewältigung komplizierter geschichtlicher Ereignisse erfordern in Zukunft Mittel und Wege, um wenigstens auf einem überschaubaren Stand der Dinge zu sein. Die heutige Ausbildung hält immer noch an einem bildungsbürgerlichen Lernbegriff fest, der an die klassischen Ideale von Objektivität, Perfektion, Vollständigkeit und Wahrheit gekoppelt ist, verläuft unsere soziale Wirklichkeit ganz anders. Sie kümmert sich nicht um abstrakte Begriffe und Modelle, die noch weitgehend aus dem 19. Jahrhundert stammen.
Die angewachsenen Daten- und Wissensmassen suchen sich ihre Wege und Pfade in die verwalteten Archive und Faktendepots, deren Speicherplätze immer größer werden. Wenn die »Geschichte« dagegen als Kommunikations- und Handlungszusammenhang begriffen wird, dann kann sie weder in die technischen Magazine verbannt werden noch nur wenigen Eingeweihten zur Verfügung stehen.
Die pädagogisch-didaktische »Visuelle Kommunikation« arbeitet mit Gestaltungsmedien, die den Vorteil haben, komplizierte Sachverhalte darstellen und für jeden zugänglich machen zu können.
Die ersten Synchronopsen
Der geläufige Begriff »Synopsis«, der traditionell eine Zusammenschau oder die zusammenfassende Ubersicht ähnlicher Dinge meint, bezieht sich auf parallele Spalten, in denen Sachverhalte nebeneinander gedruckt werden, um die inhaltliche und formale Verwandtschaft untersuchen zu können. Ein sehr frühes gestalterisches Erzeugnis in »synchron-optischer« Darstellung findet man in der römischen Trajanssäule, die dem Kaiser nach den Dakerkriegen errichtet wurde. Imitiert ~ wurde diese »Synchronopse« durch die »Marc-Aurel-Sänle«, die schon deutlicher einen z zeitlichen Verlauf anhand eines durch Windungen aufsteigenden Reliefhandes zeigte. Es ergaben sich seit dem neuzeitlichen Denken (Cartesianische Revolution) im 17. Jahrhundert neue visuelle Möglichkeiten, Synchronopsen darzustellen. Mit der Durchsetzung der »Analytischen Geometrie« und des Koordinatensystems werden in der Zeit nach Rene Descartes (1596 bis 1650) bis heute zweidimensionale Synchronopsen nach dem Matrix-Prinzip konstruiert.
Svnchronopsen contra Wisscnschaft?
Das Medium »Synchronopse« hatte es historisch h immer schwer, sich gegen die Vorherrschaft von Büchern durchzusetzen. Die Wissen- Ischaft hütet noch heute Texte vor Bildern und schaut meist auf diejenigen verächtlich h herab, die in wissenschaftlichen Werken visuelle Darstellungen zur Unterstützung von n Textmaterial einsetzen. Die ganze Geschichte der »Visuellen Kommunikation«, speziell 11 die »Typografie«, weiß davon ein Lied zu singen. Das Vorurteil, dass Bücher hauptsächich aus Text zu bestehen haben, resultiert unter anderem daraus, daß »Bildern« nicht It derselbe Rang an Exaktheit zugebilligt wird wie wissenschaftlicher Begrifflichkeit.
Seit etwa zwei Jahrzehnten sind verstärkt Bemühungen im Gange, besonders Schul- materialien, Lexika, Geschichtschroniken, Kulturfahrpläne und so weiter synchronoptisch aufzubereiten und einem breiteren Publikum anzubieten. Das Problem der Veralltäglichung von Wissen und Information besteht darin, dass diese schnellen »Einsteiger« « in intensivere Lektüre eben auch wieder von Nur-Wissenschaftlern gemacht werden, ohne ~e Spezialisten aus den Bereichen der »Visuellen Gestaltung« gleichberechtigt heranzuziehen. Diese Kluft zwischen Wissenschaft und Gestaltung ist bis heute nicht überbrückt. t.
Gestalterische Synchronopsen und ~issenscllaftlicllc Methodil; / Seit den siebziger Jahren gehört die Arbeit an gestalterischen Synchronopsen an der Fachhochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd zum festen Bestandteil der Gestaltungsausbildung. Dieses Konzept der »Gmünder Bilderbogen« (Otl Aicher) hatte Michael Klar in das damalige, erst neu zu schaffende Curriculum erstmals eingeführt und in mehrjährigen Semesterabständen in Form von Studienarbeiten realisiert.
Die Auseinandersetzung mit der » Geschichte« sollte die Studierenden der Gestaltung pädagogisch und didaktisch zu einem reflektorischen und emanzipierten Umgang mit historischen Fakten und Ereignissen anleiten. Neben dem methodischen und theoretischen Unterricht, der Aneignung von intensiverer Allgemeinbildung und hintergründiger Analyse sozialer, politischer, ökonomischer und kultureller Probleme wurde bis heute eine hochschulische Entwurfs- und Gestaltungspraxis realisiert, mit dem Ziel, kritische Gestalterpersönlichkeiten aus der Hochschule zu entlassen.
Die ersten synchronaptiscllcn Darstellungen / 1973 »Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« / 197 »Entwicklung der Produktivkräfte« / 1978 »Geschichte der Weimarer Republik« / 1979 »Kommunikationsformen und -mittel am Beispiel Kleidung« /1979 »Medienchronologie« / 1980/81 »Geschichte der Verkehrsmittel«
In den achtziger Jahren bildete eine neue Reihe von »Geschichtssynchronopsen« in Bildern und Texten die Grundstruktur eines neuen visuellen und textlichen Vokabulars: 1982 »Geschichte der Produktivkräfte« / 1983/84 »Bauhaus-Synchronopse« / 1986 »Geschichte der Ideen« / 1989/90 »Geschichte der Utopien«
Geschichtssynchronopsen: Begriff, Methode, Gestaltung und Funktion
Eine Geschichtssynchronopse ist die gleichzeitig visuell vergleichbare Zusammenstellung verschiedener Ereignisse und Fakten. Die wichtigsten Forschungs- und Untersuchungsphasen sind durch »Reduktion« und »Rekonstruktion« gekennzeichnet. Fakten, Analysen, Studien, Darstellungen aus Primär- und Sekundärliteratur werden auf Karteikarten in Originallänge oder sinngemäß zitiert und nach einem Suchraster geordnet. Es entsteht eine Datensammlung, die eine thematische Zuordnung und Auswahl zulässt. Die Rekonstruktion erfolgt zuerst anhand der Primärliteratur, indem die Fakten, Personen und Phänomene entsprechend den thematischen Problemdimensionen des Suchrasters aussortiert und zugeordnet werden. Bei der »Geschichte der Ideen« wurden z.B. die Bereiche Kunst, Politik, Recht, Religion, Geschichte, Philosophie wichtig. Hieraus ergab sich eine auf das Problemfeld reduzierte Chronik, die eine erste Arbeitsgrundlage für die Rekonstruktion geschichtlicher Zusammenhänge bildete. Die Grundstruktur als Voraussetzung eines Bild/Text-Vokabulariums ist das Baukastenprinzip. Dieses lässt spezielle Themenanschlüsse zu, sowohl auf der Ebene konkretpraktischer Lebensverhältnisse als auch auf der mehr ideellen Ebene.
Synchronopsen schaffen es, Geschichte spannend und im Überblick darzustellen. Durch sie treten Gestaltung und Geschichte in ihrer untrennbaren Verknüpfung thematisch eigentlich erst auf.