MagmaBrandDesign

September 1, 2005previous review

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 Stadtrundfahrt 

Rund um die Welt die gleiche Werbung, die gleichen Klamottenmarken. Und die Hamburger schmecken auch überall gleich pappig. Ist es das, was uns die Globalisierung bringt? Das Aus für regionale Eigenheiten, Tradition und Exotik? Oder gehen wir einer aufregenden Ära entgegen, in der die Welt zusammenwächst, kommuniziert und einen bereichernden Austausch pflegt wie nie zuvor?
Lars Harmsen vom Gestaltungsbüro Magma aus Karlsruhe, lllustrator Andre Rösler und Fotograf Christian Ernst wollten dies im Selbstversuch erfahren und jetteten drei Wochen lang zu einigen Hot Spots der Globalisierung. Auf diesen Seiten zeigen sie Bilder und kommentieren sie selbst. Diese Gigantomanie, die Energieverschwendung und der Copy-und-Paste-Geist gerade in China und in den Emiraten ist schon erschreckend", so Lars Harmsens gegenüber PAGE.
Insgesamt aber überwiege der Eindruck, dass eine neue Kultur entsteht, die "gerade den Kreativen eine Riesen Chance bietet, sich auszutauschen, zu samplen und dadurch Neues entstehen zu lassen. Es wird natürlich rücksichtslos kopiert, aber auch interpretiert, so dass völlig neue Produkte entstehen." In den Designbüros, die die Deutschen rund um die Welt besuchten, sahen sie zwar überall die gleichen Bücher aus denselben Verlagen und die gleichen Plastik-Sammelfiguren. Trotzdem wirke sich in der Gestaltung jeweils das unmittelbare Umfeld aus und bringe einen eigenen Stil hervor, findet Harmsen.
Zündstoff dürfte für manche auch Harmsens Behauptung sein, dass dem Schreckgespenst der Amerikanisierung der Lebensstile inzwischen die Grundlage fehle. Die einst strahlende Zukunftsmetropole Los Angeles sei jedenfalls marode. Da geht's bergab, war unser Eindruck.
Im Bankenviertel liegen Penner auf der Straße, die Armut lässt fast an die Dritte Welt denken. In Hongkong dagegen herrscht Aufbruchstimmung, da sind alle auf Speed. Wir haben eine Generation getroffen, die Lust hat, die Welt zu erobern. Ebenso in Dubai."
Chancen birgt das globale Dorf natürlich auch für uns Europäer. "Heute ist es selbstverständlich, im Ausland
an internationalen Schulen zu studieren. Auch beruflich tun sich nun sehr spannende Möglichkeiten aus Deutschland ist nicht mehr der einzige Standort für unser ganzes Leben", resümiert Lars Harmsen. Das Buchprojekt „Bastard", in dem die Kreativen
ihre Eindrücke der globalen Mischkultur festhalten, ist selbst Ausdruck dieses Phänomens. „Wir haben Kon-
takte zu Designern in der ganzen Welt geknüpit, die jetzt Fonts für das Buch entwickeln.
Lars Harmsen und Ulrich Weiß von Magma brachten auch 2OO4 schon ein mehrfach ausgezeichnetes Buch bei dem Verlag Die Gestalten heraus, das Schriften ihres Labels Volcano Type enthielt. Dem Bastard"-Buch, das im Frühjahr 20O6 bei Actar in Barcelona
erscheinen wird, soll eine DVD mit Fonts, Bildern, Kurzfilmen und Sound Files beiliegen.
Mehr Infos dazu gibt es unter www.bastard-project.com. Und unter PAGE-Weblog: Visuelle Globalisierung können Sie Ihre Meinung dazu sagen, ob uns das globale Dorf bloß einen visuellen Einheitsbrei oder einen inspirierenden kreativen Austausch beschert.
Bildunterschriften:
01_ Dr. Latex
In Mexiko City haben wir die Künstlergruppe FAKIR getroffen. Dr. Latex ist ein Star in der Szene. In seiner Arbeit geht es um Religion, Sexualität, Tradition, Spiel und Humor. Er zeigte uns sein Atelier: wir erwarteten ein verrücktes Künstler-Loft. Wie alle jungen Künstler hat auch er kein Geld. Also wohnt er noch bei seiner Mutter, einer alten, sehr tolerante Dame. Sein Zimmer ist sein Atelier. Die Riesen "Piercings" auf seinem Kopf sind mit Saugnäpfen befestigt, täglich ändert er Anzahl und Position. Im traditionellen Straßenbild von MXC ist Dr. Latex ein etwas unheimlicher Kauz. Im Herzen ein lieber, sanfter Mensch.
02_ Mann mit Chevy
Viele Mexikaner haben lange Zeit ihres Lebens im Ausland verbracht. Dieser Mann war 40 Jahre auf See. Mit 60 ist er zurück und hat eine kleine Autowerkstatt neben unserem Hotel in der Colonia St. Raphael. Den Chevy hat er aus Amerika, Baujahr 1957. Sein ganzer Stolz. Er gehört zu der Generation dessen Heimat immer der Ort seiner Geburt ist.
03_ Huntington Beach, Paint-Ball World-Champion-Event Huntington Beach:
diesen Spott kennt jeder Wellenreiter. Als wir dort waren ging es nicht um "Mother Nature" und "Love and Peace" - sondern der ganze Strand stand im Zeichen des welt-größten Paint-Ball-Events. Hunderte von Teams aus 80 Nationen trafen sich hier, um die besten "Killer" unter sich aus zu machen. Dress-Code, Gestik, Musik und Sprache ist analog zu dem der Skater, Surfer und Snowboarder. Angesichts eines Amerikas im Krieg ein für uns Europäer schwer verdauliches Event.
04_ Mickey
Auf dem Weg von Huntington Beach nach Holywood fühlte sich André animiert, diese Zeichnung zu machen. Prüdes Amerika, du hast zwei Gesichter!
05_ Stefan aus Reutlingen
Schwer bepackt mit Muskeln, standesgemäß tätowiert und angezogen trauten wir uns nicht, diesen "Rocker" um ein Foto zu bitten. Bis er zu uns an den Tisch kam und sich vor uns aufbaute (voll Schiss bekommen!): "Seit ihr aus Deutschland? Ich bin der Stefan, aus Reutlingen." Der Typ lebt hier, findet Amerika voll Scheiße, fährt ne Harley und ein fetten Van, ist gerade von seiner Braut getrennt aber muss hier bleiben "wege de kids, woischt!"
06_ Art School Passadena
L.A. ist riesig. Smog und mehrspurige Autobahnen. Und dann gibt es da noch Passadena. Eine grüne Oase in den Hügeln bei Hollywood. Voller Palmen, Kakteen, Blumen, Sträuchern. Ganz oben auf einem dieser Hügel liegt das Art College. Es wirkt wie von einem fremden Stern, mit allen seinen Studenten die sich den Luxus leisten können, hier zu studieren. Phantastischer Bau, unglaublich gut ausgestattet. Neid!
07_ Mr. Clay, der Schuhputzer
08_ Drei sprachiges Schild in Chinatown/L.A.
09_ Freiheitsstaue
Die Statue of Liberty steht nicht vor NY sondern am Hafen von Tokio. In Paris steht auch noch eine. Wo sonst noch? Bald in Bagdad, neben Mc Donalds?
10_ Yogiyo-Park in Tokyo
Am Wochenende kommen vor allem die Mädchen zu hunderten in den Yogiyo-Park und stellen sich zur schau. Nicht um Geld zu verdienen wie in anderen Metropolen, sondern einfach nur so. Verkleidet, geschminkt, grell, individuell - bis ins kleinste Detail. Auf mich wirkten viele der Verkleidungen morbide, traurig und verloren. Manche Gesichter strahlten eine tiefe Einsamkeit aus. Eine verzweifelte Suche nach Identität.
11_ IdN
Als wir in Hong Kong zum Büro von IdN geführt wurden, haben wir eine riesige Redaktion erwartet. Satt dessen führte uns unser Guide John Wu durch eine enge Marktgasse. Zwischen einem Blumenstand und einem Fleischer ging es duch einen schmalen Raum (Galerie und Buchhandlung) über eine steile und enge Wendeltreppe ins erste Obergeschoss. Hier, zwischen einem unglaublichen Chaos aus Büchern, Zeitschriften, Regalen, Tischen, Geräten, Objekten und Andenken ging es in das Büro des Chefs Lawrence (übrigens der einzige Ruam mit Fenster!). Ein älterer Herr mit atemberaubender Energie und Schalk in den Augen präsentierte uns die aktuelle Ausgabe seines Magazins. Und das mit so viel Zauber und Stolz wie wenn es sein aller erstes Werk sei! So viel Feuer wünsche ich mir im alter auch noch!
12_ All Rights Reserved
Sklam war früher Art-Director bei IdN und hat nun sein eigenes Unternehmen gegründet. Einen schicken Buchverlag in sehr modernen Räumen eines Hochhauses mit Blick aufs Meer. Hier entstehen die progressivsten Designbücher aus Asien. Diesen Verlag unbedingt beobachten!
13_ International school
Tinka studiert mit Schülern aus 87 anderen Ländern am International College Hong Kong. Auch reiche Hong Kong Chinese schicken ihre Kinder in dieses Internat. Der Austausch innerhalb der zwei Gruppen ist schwierig. Dafür gibt es viele Gründe. Unterm Strich ist es aber ein fantastisches Projekt!
14_ Badeschlappen Fake
Fast alles was wir kaufen wird in Asien produziert. Auch Luxus-Artikel. Alles wird kopiert, neu interpretiert. Ohne Hemmungen. Quick and dirty. Neue Produkte entstehen. Super amüsant!
15_ Kosan Road
Wenn es ein Babylon dieser Welt gibt, dann ist es Kosan Road in Bangkok. Auf keinem anderen Fleck der Welt wird man auf so engem Raum so viel andersprachige Menschen hören wie hier. Alle Rucksack reisenden dieser Welt scheinen sich hier zu treffen. Entweder weil es los geht, oder weil sie gerade auf dem Weg zurück sind. Für beide Gruppen ist für alles gesorgt: Badeschlappen, Rucksäcke, Kappen und Mützen, Badetücher, Bikinis und Shorts für die einen, Maßanzüge, Schmuck für die Daheimgebliebenen, "Marken"-Kleidung für die anderen. Hier hat sich nichts wirklich geändert, hier wird sich auch nichts wirklich ändern. Ein Ghetto, ein Paradies, eine Utopie.
16_ Ladyboy
Die dunkle Seite von Thailand ist die Prostitution. Was verbirgt sich hinter den Ladyboys? Nicht Mann, nicht Frau, scheinen die Ladyboys trotz aller Probleme sehr selbstbewusst und selbstverständlich in der Gesellschaft integriert zu sein. Wir trafen z.B. eine Familie mit Mutter, 2 kleinen Kindern und einem älteren Ladyboy Sohn beim gemeinsamen Einkauf von reich mit Gold verziertem Stoffen für Kleider. Herrliches Gespräch! "We are different, but we respect and love each other."
17_ Dubai
Es gibt keine Stadt auf der Welt wo so schnell und so viel gebaut wird. Angeblich gibt es 80 Baustellen in der Größe von Disney-World welche parallel laufen. Bei einem solchen Tempo bleibt Ästhetik und nachhaltiges Bauen auf der Strecke. Nichts ist gewachsen, sondern alles wirkt wie ein schlechter Traum. Dubai ist Europas und Asiens Las Vegas. Nur eine Nummer schneller! Und verrückter. Frauenrechte, Alkoholverbot, Traditionen... alles weicht auf und bricht zusammen durch den Tourismus. Die Maßlosigkeit scheint grenzenlos zu sein. Im Sommer ist der Strand zu heiß zum baden. Also geht man einkaufen in riesigen Shopping Halls. Oder Skifahren. Wie viel Energie verbraucht wohl die größte Indoor-Skihalle der Welt bei über 50° Celsius im Sommer? Und wozu brauchen wir so-etwas?
18_ Emirates
Alle Mitarbeiter der Cabin-Crew von Emirates wohnen in Dubai. Viele davon im 21st Century Tower, mit 32 Stockwerken eines der höchste Wohnhäuser der Welt. Auch hier kommen die Menschen aus aller Herren Länder. Die meisten bleiben ein paar Jahre. Hitze, anstrengende Flugpläne, eingeschränktes Nachtleben: das Leben halten die wenigsten länger als ein paar Jahre aus. Auch wenn auf dem Dach des Hauses ein riesen Pool zum abkühlen einlädt. Die Erfahrung jedoch, andere Länder gesehen zu haben und mit Menschen anderer Religion und Herkunft unter einem Dach gelebt zu haben ist für viele sicher ein prägendes Erlebnis. Ein leben lang.
19_ Omar
Wärend ich mit Omar, dem Kaftanhändler sprach, machte André diese Zeichnung
20_ Mr. J. Smith
Ein Font den wir für das Bastard-Projekt entwickelt haben... und beim Fuse Wettbewerb Security eingereicht haben ... und gewonnen haben (mehr unter www.researchstudios.com/home/fusecomp/
21_The 3 German Bastards
von links nach rechts: Christian Ernst (Fotograf) , André Rösler (Illustrator), Lars Harmsen (Grafiker)