

Gebunden, gefalzt, gesteckt oder geklebt - Karton gehört zu den vielseitigsten Materialien, mit denen Designer Umgang haben. Dafür gestaltet sich seine Verarbeitung nicht immer ganz einfach. PAGE zeigt, was sich mit Karton so alles machen lässt und worauf Sie bei der Produktion achten müssen.
Kaum ein Material ist so alltäglich wie Karton - und gleichzeitig so variationsreich und aufregend: In einen unerwarteten Kontext gebracht, kann sich der zuweilen recht grobe Werkstoff als echter Hingucker entpuppen. "Wenn man einem Material durch die Art der Verwendung eine ganz neue Bedeutung geben kann, dann ist das extrem spannend - und eigentlich das Grundprinzip von Gestaltung: Reibung erzeugen durch eine Veränderung der Wahrnehmung', erklärt Lars Harmsen, einer der Inhaber des Karlsruher Gestaltungsbüros Magma.
Ein filigranes Motiv, eine Cellophanierung, eine edle Prägung sowie eine Lack- oder Farbschicht können für sehr interessante Kontraste und damit außergewöhnliche Effekte sorgen. Darauf setzt auch das Designbüro Projekttriangle in seinen Experimenten; schon für ihre erste Visitenkarte ließen die Stuttgarter groben Graukarton mit einem lasierenden Neongelb vollflächig im Offsetdruckbedrucken. "Das Ergebnis war eine irgendwie organisch anmutende Struktur, bei der viele Leute nachfragten, wie das hergestellt sei" erinnert sich Projekttriangle-Gründer Martin Grothmaak.
Doch der Einsatz von Karton folgt oft auch konzeptionellen Überlegungen. In der Regel spielen dann die Natürlichkeit und Ursprünglichkeit des Materials eine Rolle oder das Volumen - wie im Falle des Image-Folders, den Projekttriangle für das Stuttgarter Atelier Form+Farbe entwarf Die 4 Millimeter dicken Kartondecken sollten dabei an die im Atelier verwendeten Druckplatten erinnern und die manuell aufgestempelte Typo sollte visualisieren, was dort passiert: Farbe und Form aufbringen.
Während die einen die Authentizität des rohen Kartons schätzen, suchen die anderen seine Hochwertigkeit. Bei Karton ist das kein Problem. Je nach Material- und Oberflächenbeschaffenheit kann er sich auch strahlend weiß, glatt und hochglänzend zeigen - die Seite, die Marketingabteilungen in der Regel bevorzugen, wie etwa Thorsten Schlesinger von der Agentur infragrau aus Braunschweig immer wieder feststellt. Ihm selbst gefällt es zwar besser, wenn Material ehrlich ist. "Doch für Kunden muss es in der Regel lauter und bunter sein." Eine Frage des Mutes, wie er findet, denn eine entsprechende Gestaltung gibt dem jeweiligen Material seinen Erfahrungen nach genug Wertigkeit.
Wenn es um die Produktion geht, kann Karton so seine Tücken entwickeln, denn er lebt - ähnlich wie Holz, aus dem er besteht. So muss man bei der Verarbeitung einige Faktoren berücksichtigen, zum Beispiel die Laufrichtung. Gegen diese lassen sich Kartons ohne eine vorherige Bearbeitung nämlich nur mit unschönen Brüchen falzen. Zudem können sie sich dann leichter wölben oder nicht die richtige Spannung haben. "Polypropylen wölbt sich zwar auch - und das in zwei Richtungen, nicht nur in eine wie Karton -, doch lässt sich das Verhalten des Materials viel besser vorhersehen" so Thorsten Schlesinger, der diese Erfahrung im Zusammenhang mit Verpackungsgestaltungen gemacht hat.
Bei Buchdecken hingegen ist die Planlage ein wichtiges Thema. Je dünner der Karton, desto leichter kann er sich verziehen - besonders bei Querformaten und bei kühlen, trockenen Temperaturen, wenn die Umgebungsfeuchte von der relativen Feuchte in der Pappe erheblich abweicht. Auch die Endverarbeitung, also das Stanzen und Rillen, ist nur bei einer gewissen Stärke und Qualität machbar. "Und beim Schneiden muss man aufpassen, dass der Karton keine Verunreinigungen enthält", so Thomas Freitag, Geschäftsleiter der Buchbinderei Burkhardt im schweizerischen Mönchaltorf. Denn dann bekommt die Klinge schnell kleine Verletzungen - so genannte Messerscharten -, die zu unsauberen Schnittkanten führen.
Lehrgeld zahlte die Wiesbadener Agentur Fuenfwerken, als sie versuchte, den Versandkarton aus Wellpappe des Weinguts Josef Leitz Cl-gerecht bedrucken zu lassen: Drei Druckereien musste sie ausprobieren, bis sie eine fand, die das Motiv in der angegebenen Farbe und Größe auf den Karton brachte. Das Problem ist nicht die Technik" meint Rolf Mehren, Vorstand Design von Feuerwerken. Die geforderten engen Toleranzen seien in dieser Branche schlichtweg nicht üblich. Da werden die Logos schon mal vergrößert, und extreme Farbschwankungen sind durchaus üblich" so Mehnert.
"Wellpappe lässt sich nur in sehr hohen Auflagen gut verarbeiten", erklärt Maren Thomsen, Geschäftsführerin des gleichnamigen Berliner Kartonspezialisten. Hier wird die Oberschicht im Offset bedruckt, ehe sie auf die Unter- und die gewellte Mittelschicht kaschiert wird. Kleinere Auflagen entstehen im Siebdruck, was mit ein paar Einschränkungen einhergeht. So erlaubt dieser zum Beispiel keine allzu feingliedrigen Motive und führt bei ungenauen Maschineneinstellung zu Quetschrändern. Dennoch würde Maren Thomsen keinesfalls von Wellpappe abraten: "Man kann ruhig ein günstiges Material benutzen und ihm durch eine hochwertige Gestaltung Qualität verleihen - wenn das Design und die Verarbeitung darauf abgestimmt sind."
Welcher Karton der Richtige ist, hängt natürlich von der Aufgabe ab, die er erfüllen soll. Bei starken Rillungen und Falzungen darf er nicht zu dick sein. Gestaltet man dagegen eine Mappe für eine Tagung oder einen Kongress, muss man ein so dickes Material wählen, dass es auch bei nur halb gefüllten Zustand im Stapel nicht zusammengedrückt wird.
Nicht nur die Stärke, auch die Zusammensetzung eines Kartons sorgt für besondere Eigenschaften. "Durch sehr lange Zellstofffasern ist eine geringere Grammatur möglich", erklärt Jörg Storneke, Verkaufsleiter der deutschen Dependance des schwedischen Kartonproduzenten AssiDomän Frövi. Recyclingkarton hingegen hat durch die mehrfache Aufbereitung eher kurze Fasern. Das macht ihn etwa für hochwertige Blindprägungen und für Falzenden ungeeignet, denn die Ränder zeigen schnell unschöne Falzbrüche. Auch bei Produkten, die langfristig in Gebrauch sein sollen - etwa Folder, die häufig geöffnet werden -, bietet sich dieses Material nicht an. Und da Recyclingkarton nicht geschmacks- und geruchsneutral ist, sollte er auch zum Beispiel nicht mit Lebensmitteln in direkten Kontakt kommen.
Einfluss auf die technischen Eigenschaften, also etwa die Biegesteifigkeit oder (Reiß-)Festigkeit, haben auch die Anzahl der Lagen und die Ausrichtung der Fasern, also ob sie beispielsweise parallel zueinander oder über Kreuz angeordnet sind. In der Kombination mit anderen Werkstoffen, etwa einem Kunststoffverbund, sind den diversen Verwendungsmöglichkeiten von Karton praktisch keine Grenzen gesetzt. Beispiele sind der TetraPak oder der luftdichte Cupforma AT von Stora Enso, mit dem der Hersteller einem aktuellen Trend aus Japan folgt, alle möglichen Lebensmittel in Pappbechern zu verpacken.
Visuelle Eigenschaften - neben den technischen die entscheidenden - beziehen sich in der Regel auf die Kartonoberfläche. Stört etwa die graue oder braune Färbung und möchte man ein strahlend weißes Material, wie es etwa die Parfum- und Süßwarenindustrie bevorzugt? Oder sucht man einer durchgefärbten oder kaschierten Karton? Je nach Anspruch, bietet sich eine Palette unterschiedlicher Oberflächeneigenschaften - vom rauen Recycling - bis hin zum kalandrierten und oberflächenveredelten Karton.
Kaum ein Material ist dabei haptisch so flexibel. Eine Kartonoberfläche kann glatt, samtig, warm oder kalt sein", erklärt Jürgen Bihler, Leiter des Informationsbüros von Pro Carton, der Vereinigung von Kartonherstellern und Faltschachtelproduzenten. In diesem Dickicht von Materialien fänden sich Designer nur zurecht, wenn sie sich ordentlich beraten ließen. Doch das tun die Kreativen seiner Ansicht nach leider viel zu selten. "Designer sollten bei jeder neuen Gestaltung einen erfahrenen Fachmann konsultieren, denn innerhalb von sechs Monaten kann sich sehr viel auf dem Kartonmarkt ändern." Andernfalls passiert das, was Bihler immer wieder sieht: Materialien werden nicht richtig gewählt und Funktionen nicht optimal umgesetzt - das Potenzial des Materials wird also gar nicht ausgeschöpft. Nur wenn Kunde, Designer und Kartonhersteller zusammenarbeiten, können seiner Erfahrung nach wirklich gelungene Lösungen entstehen.
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