MagmaBrandDesign

January 6, 2007previous review

Imaging

 »Edel. Offset? Nein!« 

»ldeen müssen gefährlich sein.« Ein Claim? Ja, auch. Vor allem aber ein Programm. Zumindest eine Kampfansage an den Mainstream. Das Andersmachen zieht sich wie ein roter Faden durch die Werkschau von Lars Harmsen, Partner und Creative Director der Karlsruher Designagentur MAGMA Brand Design. Experimente und Überraschungen sind für ihn die Regel, nicht die Ausnahme.

EIN EXPERIMENT WAR ES AUCH, DAS INTERNET AUF PAPIER ZU BRINGEN
Mit »Slanted« wagte Harmsen den Schritt aus der virtuellen, vergänglichen Welt des Netzes zur Beständigkeit, zur gedruckten Zeitschrift. Der Umstieg auf den Digitaldruck war das nächste Experiment. Das Ergebnis:
eine Überraschung. Für Lars Harmsen zumindest. Für Oce nicht.

Aber nun der Reihe nach: Slanted ist eigentlich ein Weblog für Typographen, Mediengestalter und Gestaltungsfreaks, die sich im Internet über Trends in Design und Schriftgestaltung austauschen.
Das Weblog ging 2004 unter www.slanted.de online, hat inzwischen über 850 Beiträge in zwölf Rubriken, rund 600.000 Hits im Monat und 281 aktive Kommentatoren, die bislang rund 7.ooo Kommentare zu den Artikeln verfasst haben. Eine lebendige Plattform, die vom Austausch und der schnellen Reaktion lebt. Eine Kommunikationsform, die nur im Internet existieren kann.

Oder auch nicht. Weil das Internet ein eher flüchtiges Medium ist, brachte Harmsen Slanted nach nur einem Jahr auch als Print-Medium heraus - »um der Geschwindigkeit und Vergänglichkeit entgegenzuwirken«. Ein Nischenprodukt für eine eng umrissene Zielgruppe, dort aber ein großer Erfolg. Das Magazin greift Inhalte des Weblogs auf und geht darüber hinaus. Es will Verbindungen schaffen zwischen Typografie, Gestaltung, lllustration und Fotografie, bringt ungewöhnliche Bildstrecken, Interviews mit Stars und Undergroundheroes der Szene, ist Index, Nachschlagewerk und Forum in einem. Und ein Erlebnis in Haptik und Design.

ES LEBE DAS VORURTEIL
Gedruckt wird, natürlich, im Offset. Denn das, was man mit viel Aufwand, Herzblut und Kreativität gestaltet hat, soll schließlich so schön wie möglich zu Papier gebracht werden. Da muss die Tiefe des Bildes ebenso stimmen wie die Leuchtkraft der Farbe, da darf auch in der feinsten Strichzeichnung kein Detail verloren gehen, da muss jede Nuance stimmen. Grafiker, Typographen, Gestalter sind die kritischste Klientel der Druckbranche. Und sie halten - darf man das so sagen - besonders hartnäckig an ihren Vorurteilen fest. Vor allem, wenn es um Druckverfahren geht. »Vor zehn Jahren«, sagt Lars Harmsen, »hatte ich meine erste und bis vor kurzem letzte Begegnung mit dem Digitaldruck.« Das Urteil damals: Streifen im Druckbild, schlechte Flächendeckung, speckige Oberfläche, keine Tiefen, Abriss in hellen Bildbereichen - Rechnungen kann man damit vielleicht drucken, aber keine Bücher oder Zeitschriften. Erst recht keine, die Design und Gestaltung zum Thema haben. Nichts also, womit man sich weiter befassen müsste. Ende der Diskussion.

DER AUFTRITT VON 0CE
Ohne Gerhard Erdmann wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende. Erdmann, Systems Consultant bei Oce, überredet Lars Harmsen im Herbst 2005, die Daten der ersten Slanted-Ausgabe für den Digitaldruck zur Verfügung zu stellen. Auf der Fachmesse »Druck + Form« in Sinsheim will Gerhard Erdmann beweisen,
dass Farb- und Schwarzweiß-Systeme von Oce für den Druck kleiner Auflagen die bessere Alternative sind: qualitativ dem Offsetdruck ebenbürtig, aber kostengünstiger und flexibler.

QUALITÄT UND... Als Harmsen die ersten Druckmuster in die Hand bekommt, ist er überrascht und
begeistert. Die Qualität hat sich extrem verbessert, sagt er und wirft die alten Vorurteile über Bord. Es gibt keinen Druckpunktzuwachs (»98 Prozent schwarz sind auch wirklich 98 Prozent und eben keine IOO«), die Modulation ist fast besser als im Offsetdruck, vom speckigen Glanz früherer Zeiten ist nichts mehr übrig, das Farbbild ist brillant, die Papierauswahl lässt keine Wünsche offen -
Typograph, was willst Du mehr?

... FLEXIBILITÄT! Vor allem das einfache, flexible Handling hat es dem gelernten Druckvorlagenhersteller angetan. Anders als beim Bogen-Offset wird im Digitaldruck direkt auf das Endformat gedruckt. Zumindest bei einer Klebebindung entfällt dadurch das Umrechnen der Seiten auf den Bogen, die Verteilung der Farb- und Schwarzweiß-Seiten im Buch wird nicht mehr länger von der Technik definiert. »Im Offset habe ich die Wahl, wegen einer einzigen Farbseite einen ganzen Bogen farbig zu drucken oder mich bei der Gestaltung aus Kostengründen der Technik zu unterwerfen.« Man merkt Lars Harmsen an, dass ihm beide Alternativen gegen den Strich gehen.
Beim Digitaldruck muss Harmsen ganze vier Schwarzweiß- Seiten - der farbigen Vorderseite wegen - auf der Farbmaschine drucken lassen. Sie und die Übrigen 40 im Heft verteilten Farbseiten wurden auf der Oce CPS900 produziert- einem Einzelblattsystem für den Druck auf verschiedene Materialien bis zu
A3-Überformat. »Die Farbseiten waren natürlich ein wichtiges Kriterium für unsere Entscheidung, Slanted komplett digital zu produzieren«, sagt Lars Harmsen.

GESCHWINDIGKEIT UND...
Der überwiegende Teil der Zeitschrift- die aktuelle Ausgabe umfasst knapp 200 Seiten - wird allerdings schwarzweiß gedruckt. Es versteht sich von selbst, dass auch hier die Ausgabequalität stimmen muss. Und die Geschwindigkeit. Und natürlich das Handling. Eine gewaltige Herausforderung, gewiss. Aber kein Problem. Denn die Oce VarioPrint 6250 druckt nicht nur in Offsetqualität, sie ist zugleich der schnellste Einzelblattdrucker für den Schön- und Widerdruck der Welt. 250 bedruckte A4-Seiten pro Minute, 7o Prozent schneller als jeder andere Einzelblatt-Duplex-Drucker auf dem Markt.

... HANDLING! Was den Broschürenmacher aber mindestens ebenso freut: Die VarioPrint 6250 besticht durch hundertprozentige Registerhaltigkeit und ein ausgefeiltes Materialhandling. Bei der Produktion der Slanted bedeutet das ganz konkret: Aus insgesamt zwölf Papierfächern können sowohl unterschiedliche Papiersorten für den SchwarzweiRdruck eingezogen als auch die vorgefertigten Farbseiten an der richtigen Stelle zugeschossen werden - auf dem kalten Papierweg, wie der Fachmann sagt. Der gesamte Prozess wird einmal programmiert und läuft dann komplett automatisch ab. Ein Einzelblattdrucker für den Schön- und Widerdruck, der zugleich Sortiermaschine ist. Wunderbare Welt des Digitaldrucks also.

Sie möchten konkrete Zahlen? Also gut: Slanted hat eine durchschnittliche Auflage von immerhin 2.000 Exemplaren. Früher ein klarer Fall für den Offsetdruck. Früher!